Monday, October 5, 2026

Tag 11: Aristeia

Heute war, wie erwartet, der härteste Tag dieser Reise (und rückblickend auch einer meiner härtesten Reisetage allgemein). Es ging um viertel vor 8 los in Richtung Simplon, der Weg war zunächst gut zu bewältigen, es ging mit milder Steigung bergauf, dem Tal des Flusses Diveria folgend. Die Temperaturen waren frisch, aber gut auszuhalten, sobald die Sonne ins Tal schien war es sogar angenehm warm.

Zwischenzeitlich überschritt ich auch die Grenze zur Schweiz. Nach einer Weile war die Steigung aber doch zu steil, und ich musste phasenweise immer häufiger schieben. Als Resultat kam ich dementsprechend immer langsamer voran. So langsam, dass ich das kleine Dorf Simplon erst nach 5 Stunden erreichte,  kurz vor 1 Uhr. 


Aber Simplon ist nicht der Simplonpass, es fehlten noch knapp 600 Höhenmeter, sodass ich die Spitze (markiert durch einen steinernen Adler, lange Geschichte) erst kurz nach 15 Uhr erreichte. Inzwischen war ich so weit oben, dass es praktisch keine Bäume mehr gab und an manchen Gipfeln Eis zu erkennen war.

Von meinem Wunschziel Leukerbad trennten mich an diesem Punkt immernoch knapp 65 km. Klar, das beinhaltet die Abfahrt nach Brig-Glis, und 30 km die es einfach das Rhonetal runter ging, aber dann fehlen immer noch 15 km und 800 Höhenmeter bis nach Leukerbad.

Die einfache Lösung wäre, in Brig-Glis zu verweilen. Der Tag war anstrengend genug, und bis ich dort war wären es sicher schon 16 Uhr, was eine gute Ankunftszeit ist und Erholung für den Gemmipass morgen bedeuten würde. Andererseits ist Leukerbad technisch gesehen noch nichts außer Reichweite, was den Pass morgen etwas vereinfachen würde.

Solange ich es also vor 16 Uhr nach Brig-Glis schaffe, würde ich mich an Leukerbad versuchen. Ich wechselte also den Gang und sah zu, so schnell wie möglich ins Rhone-Tal zu kommen. Gut 20 km in unter 30 Minuten später war ich in Brig-Glis, 15:45 Uhr. Also dann auf nach Leukerbad! Etwas überspitzt gesagt sollte das auch besser klappen, denn zwischen Brig-Glis und Leukerbad war die Unterkunfts-Situation eher mäßig.


Ich fuhr verhältnismäßig schnell das Tal entlang (was ein aufkommender Gegenwind nicht gerade leichter machte) und stoppte nur kurz zwischen, um meine beim Aufstieg dezimierten Vorräte aufzustocken. Gegen 18 Uhr war ich in Leuk, die Sonne war schon nah an den Bergspitzen, aber es fehlten nur noch 13 km... und 800 Höhenmeter. Die Anstrengungen der letzten Tage und besonders dieses Tages machten sich inzwischen bemerkbar, aber ich begann den Aufstieg. 

Es wurde schnell dunkel, und die Serpentinen kombiniert mit meinen leeren Batterien sorgten dafür, dass ich mein Fahrrad bald in kompletter Finsternis die Berge hochschob. 

Zwischendurch hielten mehrere hilfsbereite Schweizer an, aber mit einer Ausnahme lehnte ich dankend ab. Die Ausnahme bestand darin, das ein kleines Stück vor mir bald die Straße wegen Bauarbeiten abgeriegelt werden sollte, um Punkt 20 Uhr, und wir hatten 10 vor. So wurde ich kurzfristig einen Kilometer mitgenommen, bis hinter die Baustelle. Danach flachte der Weg zum Glück etwas ab, sodass ich mein Ziel um 20:30 Uhr erreichte. Einen Burger und eine Dusche später bin ich bereit fürs Bett. 


Morgen geht es den Gemmipass hinauf, und dann Richtung Spiez. Ab dort geht es erstmal bergab Richtung Bern und ich kann die Alpen hinter mir lassen. Voraussetzung ist nur, dass meine Beine nach diesem Tag morgen noch funktionieren.

Sunday, October 4, 2026

Tag 10: In die Berge

Writ in Water



Heute war ein landschaftlich sehr abwechslungsreicher Tag, es ging mit einer Ebene los, dann an einem See entlang und endete in den Bergen.

Ich startete etwas nach Sonnenaufgang, gegen viertel vor 8 in Mortara. Die Temperaturen waren so frisch, dass ich meinen Atem sehen konnte, 20 Grad kälter als vorgestern auf Sardinien. Zum Glück wurde es über den Tag hinweg kontinuierlich wärmer, später war es angenehm warm.

Der erste Abschnitt der Strecke schloss nahtlos da an, wo es gestern aufgehört hatte, Felder, Dörfer und flacher Boden, sodass ich gut voran kam.


Ich erreichte Novara bereits kurz vor 10 Uhr, Borgomanero gegen 12. Hier begannen sich bereits bergspitzen am diesigen Horizont abzuzeichnen, die Alpen kamen näher. Kurze Zeit später ging es eine Abfahrt herunter, und ich fand mich am malerischen Lago d'Orta wieder. 


Ich fuhr an der Ostküste des Sees entlang, bis ich schließlich in Omegna an der nördlichen Spitze ankam. Ein sehr schönes Städtchen, das mich irgendwie ein wenig an Straßburg erinnerte. Ab hier war ich schon von kleineren Bergen umgeben, im Norden zeichneten sich aber kontinuierlich größere Gipfel ab.


Zum Glück hatte dies aber noch keinen Einfluss auf das Höhenprofil der Strecke, da ich mich entlang dem Fluss Toce durch ein Tal bewegte. Die Atmosphäre war inzwischen definitiv alpiner, die Architektur der Gebäude hier hebt sich deutlich davon ab, was ich bisher in Italien gesehen habe.

Ich erreichte Preglia bei Domodossola, wo sich meine heutige Unterkunft befindet, gegen 17 Uhr. An und für sich eine gute Zeit für knapp 125 km, und vielleicht wäre auch noch mehr drin gewesen, aber die Kombination aus Geographie und Infrastruktur lässt mir keine Optionen. 


Nach Domodossola beginnt der Simplonpass, es geht auf 2000m hoch, und vor dem Dorf Simplon in 30 km Entfernung gibt es weder Supermärkte noch realistische Unterkünfte. Dementsprechend nutzte ich die Zeit zum Aufstocken und Ausruhen, denn morgen wird wahrscheinlich der härteste Tag der Tour. Das Wunschziel ist Leukerbad, aber das ist mit 3000 Höhenmetern Anstieg verbunden.



L

Saturday, October 3, 2026

Tag 9: Abschied vom Meer

Kingdom Valley



Heute begann die zweite Hälfte der Reise, wenn auch etwas verzögert. Planmäßig waren 11 Stunden Reisezeit auf der Fähre geplan, was einer Ankunft um 7:30 Uhr morgens entspräche. Dies wurde mir auf Nachfrage auch unter Vorbehalt bestätigt, weswegen ich nicht überrascht war, als bereits um halb 7 Durchsagen kamen, dass die Kabinen zu räumen sind. Ich packte meine Sachen zusammen und stand um kurz nach 7 mit gepackten Sachen im Flur, man durfte noch nicht in die Garagen. Und so stand ich da, und stand ich da, während die Zeit verging und der Bereich sich mit Menschen und deren Gepäck füllte. Letztlich konnte ich erst um kurz vor 9 das Schiff verlassen.


Ich sah schnell den großen Leuchtturm von Genua, bevor ich mich auf den Weg durch die Stadt machte. Der Hafenbereich ist definitiv nicht für Radfahrer gedacht, die Straßen führten auf die Autobahn und die Fußwege gingen Treppen hoch, letzteres war das geringere Übel.

Der Verkehr in der Stadt war ebenfalls nicht ohne, aber ich konnte mich relativ schnell parallel zum Fluss Polcevera einordnen und dem Tal folgen. Auch wenn ich nach einer Weile aus Genua raus war, fühlte es sich nicht so an, da die Gebäude einfach nie aufhören wollten. San Quirico oder Ponte Decimo fühlten sich nicht nach anderen Orten an.

Irgendwann kamen aber doch Lücken zwischen den Gebäuden und eine schöne, grüne, hügelige Landschaft tat sich auf. Es ging erst leicht, dann aber Ponterosso etwas steiler bergauf, sodass ich doch eine Weile schieben musste.

Viele der Gebäude hier waren richtige Anwesen und Villen, manche jedoch leider halb verfallen. Nach einer Weile schaffte ich es aber zum Zenit, ab da ging es bergab (nicht metaphorisch!).

Nach einer Weile hörten auch die Hügel auf, und ich fand mich in den Ebenen der Lombardei wieder. Es war bereits nachmittag, also konnte ich inzwischen einen Zielort abschätzen. Der spätere Start und ein gewisses Zwicken in meiner linken Wade schränkten meine Reichweite etwas ein, aber der restliche Weg war flach, also entschloss ich mich Mortara anzusteuern.

Das sind etwas über 40km weiter als mein ursprüngliches Ziel, Castelnuovo Scrivia, aber es ist schlauer jetzt die Ebenen für ein paar Bonusmeilen zu nutzen, so habe ich ab übermorgen in den Alpen auch etwas mehr Toleranz. 

Der Weg in der Ebene ging durch Äcker und Bauerndörfer, ich sah einige Mähdrescher, aber auch ein paar Tiere wie Störche und eine Nutria.

Supermärkte waren rar, aber in Mortara gab es zum Glück einen Penny, also konnte ich für morgen wieder aufstocken. Ich erreichte meine Unterkunft ziemlich genau um 18 Uhr, was bei über 120 km, einigen Hügeln und einem verspäteten Start gar nicht mal so schlecht ist. Als Stärkung gab es zum Abendessen noch eine Portion Spaghetti Carbonara.


Morgen versuche ich Domodossola anzusteuern, die Distanz ist vergleichbar mit heute, aber das Gelände ist angeblich durchgehend flach. Solange ich mich also heute Nacht gut erhole, sollte ich morgen bereits die Voralpen zu Gesicht bekommen.